Zwischenstand & der Wutstuhl

Zwischenstand & der Wutstuhl

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Woche 15

Die pinke Kerze brennt, die Tulpen in der Vase vor mir kündigen schon beinahe den Frühling an und meine heiße Tasse Kaffee dampft vor sich hin. Mal wieder bin ich seit Stunden wach, aber dennoch lässt der Sonnenaufgang noch auf sich warten. Warten ist ein gutes Stichwort. Geduld zählte eigentlich nicht zu meinen Stärken. Aber man lernt nie aus und so ist gerade die Geduld etwas, das mich die letzte Zeit sehr auf den Prüfstand stellt und mich zum Lernen und Wachsen zwingt. Diese Woche warte ich zum Beispiel darauf, wieder gesund geschrieben zu werden. Mein Krankenstand wird enden. Mein Burnout wird das nicht.

Es geht mir besser. Viel besser. Ich merke, dass meine Nerven langsam wieder etwas stärker werden und vor allem auch die Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen deutlich nachlässt. Alltägliche Dinge bringen mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe und auch mein Multitasking klopft ab und zu wieder an und lässt mich somit zielführender agieren. Das fühlt sich gut an und gibt mir Hoffnung, dass ich wieder ganz die Alte werde.

Ah ja, ganz die Alte, nein, das werde ich nicht mehr sein.

Die letzten 15 Wochen waren hart. Ich habe so viel gelernt, über mich, mein Umfeld und die Themen Scheidung und Burnout. Ich muss Listen führen, damit ich allen Gedanken nach gehen kann und nicht vergesse, wo genau ich noch einmal in mich horchen wollte. Die alte Maggy hat kapituliert und die neue Maggy hat ihre Intuition wieder gefunden. Ich bin wahrlich keine Hellseherin, aber mein Gefühl ist ein Gutes und belohnt mich, wenn ich den Mut habe, ihm nach zu gehen.

So trug es sich zu, dass ich dank meines Blogs, ganz tolle und aussergewöhnliche Nachrichten erhalten habe. Von Menschen aus meiner Vergangenheit zum Beispiel. Jede Nachricht hat mich berührt und hat mich sehen lassen, wie wenig wir alle noch sind, wie wir einst waren. Ich selbst war gezwungen, eingeprägte und vorgefasste Meinungen zu revidieren und auch meinen Hochmut fallen zu lassen, bevor er mich zu Fall bringt.

Ich durfte eine Freundin treffen, mit der der Kontakt vor Jahren abbrach. Nicht im Streit, aber wir waren an sehr unterschiedlichen Punkten in unseren Leben und hatten vermutlich keine gute Kommunikationsebene. Sie ist Mama von drei Kindern und berufstätig und das verlangt mir heute wirklich allen Respekt ab. Das hat es damals nicht und ich habe ihr bei unserem Treffen vor zwei Wochen gesagt, dass ich doof war und es nicht besser wusste, was einem das abverlangen kann. Ich war arrogant genug zu denken, dass Job, Familie, Kinder, eine glückliche Ehe, dass das alles zu meinen Füßen liegt, was soll da schon schief gehen. Siehe da, es kann so einiges schief gehen, selbst wenn man alles versucht hat, um auf Kurs zu bleiben. Unser Gespräch war so schön und gab mir so viel Input und es drängte sich mir die Frage auf, wieso tun wir Frauen das nicht öfter? Uns Austauschen, sich zusammen schließen, um einander eine Stütze zu sein.

Was hält uns davon ab, mehr Frauen um uns herum die Hand zu reichen, da zu sein und zuzuhören? Ist es der Anspruch, jede Freundin muss eine beste Freundin sein? Entweder Buddies for life oder gar nichts? Das Label beste Freundin, damit tat ich mir schon immer schwer und irgendwann konnte ich es akzeptieren, dass ich vielleicht gar keine habe. Ich habe nicht die eine Freundin, nein, ich darf mich glücklich schätzen, dass ich mehrere Freundinnen habe und jede hat ihren eigenen Kopf, ihre eigenen Ansichten und jedes Gespräch und jede gemeinsam verbrachte Zeit lässt mich reicher zurück, als ich es davor gewesen bin.

Die Diagnose Burnout trifft nicht uns alle, aber jeder hat sofort ein Bild im Kopf, was es mit einem macht, wenn ein gewisser Erschöpfungszustand erreicht ist. Wenn Kopf und Körper rebellieren und selbst eine Auszeit kaum noch Regeneration bietet. Meine Therapeutin riet mir, Dinge zu tun, die mich aufladen und mich bereichern. Doch ich wusste erst nicht so recht, was es ist, das mich regeneriert. Die Klischees waren schnell abgearbeitet: Lesen, Spazieren gehen, Entspannungsübungen. Das sind alles sehr angenehme Dinge, doch meine Kraftquelle ist der Austausch mit anderen. Vor allem die letzte Woche war sehr aufreibend, der erste Termin für einen Scheidungsvergleich stand an und ich bin all meinen Freundinnen unendlich dankbar, dass sie ein offenes Ohr für mich hatten, bei Tag wie bei Nacht. Wir haben gemeinsam gelacht, geflucht und geweint und die alte Maggy hat es sich in meinem Hinterkopf bequem gemacht und die neue Maggy angefeuert den Kopf nicht hängen zu lassen.

Ich habe oft and besagte Freundin gedacht die letzten Tage. Drei Kinder, ein Haushalt, eine Ehe, ein Job. Wo bleibt sie da? Wie schafft sie es? Wo holt sie sich ihre Regenerationszeit und was macht sie in dieser? Vielleicht frage ich sie das nächste Mal. Ich habe so viele Tipps bekommen und Anregungen, wie ich mir in meiner aktuellen Situation am Besten helfen kann. Wie ich meine Wut kontrollieren kann, wie ich versuchen kann abzuschalten oder auch besser einzuschlafen.

Wut war diese Woche ein grosses Thema. Scheidungen werfen natürlich immer das Thema Recht auf. Recht im buchstäblichen Sinne, denn es gibt ja Gesetze die das regeln, aber auch Wut bezüglich des Rechts, wie ich es empfinde. Für das Gesetzliche gibt es Anwälte, für das Emotionale, nun ja, da gibt es mich selbst. Und auch hier habe ich angefangen etwas in meinen Alltag einzubauen, das mir eine gute Freundin, nennen wir sie Ida, empfohlen hat. Ida ist selbst Psychologin und hat so einige grossartige Tricks auf Lager, die mir helfen, mein Hirn wieder zu sortieren. Und so gibt es bei mir daheim nun einen „Wutstuhl“. Dieser Wutstuhl ist einer meiner Stühle, den ich bewusst an eine Stelle schiebe, an der er sonst eigentlich nicht steht. Ich sitze dann an einem Ort, an dem ich eigentlich nie sitzend Zeit verbringe. Und dann gehts los. Ich schreie nicht, ich werde auch nicht laut, aber ich spreche alles aus, bis meine Wut und die damit verbundene, aufgestaute Emotion nachlässt. Erstmalig gingen mir diese Woche die Flüche und Schimpfwörter aus, ja, auch sowas kann passieren. Mir ist aber wichtig zu sagen, es ist kein Stuhl der Selbstgeißelung. Ich beschimpfe nicht mich, ich schimpfe in mein Wohnzimmer hinein und lasse Dampf ab, damit ich den Rest der Zeit fokussiert und aufnahmefähig sein kann. Und das tut so gut! Ida sagte mir auch, dass wenn dieser Drang irgendwann nachlassen sollte und der Wutstuhl eher zu einer Erinnerung wird und nicht mehr zum Einsatz kommt, dann darf ich diesen Stuhl auch einfach entsorgen. Und zwar mit all den Erinnerungen die er inne hat. Mit all den Momenten des Ärgers, der Wut, der Traurigkeit und der Verzweiflung. Noch bin ich nicht so weit, diesen Stuhl her zu geben, doch ich bin mir sicher, irgendwann darf er gehen.

Hinter jeder Nachricht, die ich bekommen habe, steckte eine Frau, die selbst Erfahrungen gemacht hat, die sie gefordert haben. Über all dem steht für mich die Erkenntnis, wir sind niemals alleine. Ich bin nie alleine, mit was auch immer ich gerade empfinde oder wo ich gerade durch muss. Das beruhigt mich. Es nimmt nicht den Schmerz aus einer Situation oder die Wut aus einem Moment, aber es hilft mir zu wissen, es geht weiter.

Die neue Maggy ist gezwungen sich zu verändern und ich nehme diesen Prozess an. Ich lasse den Schmerz durch mich hindurch fließen und arbeite daran, meinen Wert zu erkennen und für ihn einzustehen. Mehr dazu könnt ihr zum Beispiel in meinem Blogbeitrag Ich bin Gold wert! nachlesen. Ich weiss bereits, dass ich mein Selbstwertgefühl aus mir selbst heraus gewinnen muss, doch es fühlt sich richtig gut an, wieder mehr Menschen in meinem Leben willkommen heißen zu dürfen. Der Input der dadurch entsteht, ist ebenfalls Gold wert und ich möchte keinen dieser wunderschönen Momente der letzten Wochen missen.

So werde ich also in zwei Tagen zum Arzt spazieren, mich gesund schreiben lassen und dann sehen wir was passieren wird. Eine spannende, aber auch ungewisse Zeit liegt vor mir und ich werde euch daran teilhaben lassen. Ich danke euch.

Alles Liebe und bis ganz bald!

Eure Maggy*

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