Was würdest Du tun wenn…

Was würdest Du tun wenn…

Woche 14

An einem schönen Sonntagnachmittag im Oktober 2018 spaziere ich zu einem meiner Lieblingsplätze in London. Der Weg führt mich durch das beschauliche Hampstead direkt zu meinem Londonder Lieblingscafé, dem Ginger & White. Es duftet bereits vor der Tür nach frisch gebrühtem Kaffee und der Wind weht mir herbstlich um die Nase. Dennoch scheint die Sonne, sehr ungewöhnlich in London, daher packe ich meine Sonnenbrille aus und lausche weiterhin meiner Jazz-Playlist die meine Kopfhörer von sich geben.

Alle Bäume haben sich bereits bunt verfärbt. Braun, grün, rötlich, alles ist dabei, die ersten Blätter sind bereits gefallen und säumen die Strassen. Trotz der Sonne sind wenige Menschen unterwegs, doch die Cafés und Restaurants sind voll und alle geniessen den Sonntag und entspannen. Meine Entspannung in London besteht aus Gehen. Viel Gehen. 25.000 Schitte an einem Tag sind keine Seltenheit, die ich abends deutlich spüre, wenn ich in mein kuscheliges Hotelbett falle.

Mein Kaffee schmeckt wie immer hervorragend, stark mit viel Milchschaum! Und aua, natürlich wieder unterschätzt wie heiß er ist, somit erstmal ein wenig die Zunge verbrannt. Man könnte meinen irgendwann lerne ich es endlich, wie man aus diesen To-Go-Bechern trinkt bzw. wann! Doch dem Geschmack tut das keinen Abbruch und so marschiere ich los zu meinem eigentlichen Ziel. Dem Primrose Hill. Ein Park mit einem Hügel und einem traumhaften Blick über London. Das Wetter könnte für so einen Aussichtspunkt nicht besser sein und obwohl ich die Kuppe noch vor mir habe, freue ich mich schon auf mein Platzerl in der Sonne und einer entspannten Kaffeepause mit Weitsicht.

Ich biege in den Park ein, spaziere durchs Tor und sehe Hunde im Park miteinander spielen. Erinnert mich sofort an meine Paula, die hat auch so getobt als sie noch ein kleiner Wauzi gewesen ist. Sehr süß denke ich mir und gehe weiter. Doch dann kreuzt einer der Hunde meinen Weg und saust vor mir vorbei. Nun gut, passiert, aber Moment mal! Wieso kenne ich diesen Hund???

Mein Hirn rekapituliert: Du bist in London, in einer Millionenstadt, kennst hier niemanden, aber der Hund vor dir, den kennst du?

Bäm.

Ich bleibe kurz stehen und der Groschen fällt……. Ich schaue vor mir den Weg entlang Richtung Anhöhe, die Sonne blendet mich, aber ich sehe jemanden auf mich zu kommen. Jemanden, der den Hund ruft, der gerade an mir vorbei geflitzt ist. Ein Mann. Offensichtlich. Und mein Hirn schlägt Kapriolen. Dank der blendenden Sonne kann ich nur eine Silhouette erkennen, dennoch erkenne ich den Gang dieses Mannes! WAS? NO WAY!

Zeitsprung. 2016.

2016 hab ich begonnen Interviews mit Schauspielern die mich interessieren auf youtube zu schauen. Lange, detaillierte Interviews. Ich bin seit jeher fasziniert von der Filmbranche, den Making Offs und den Menschen hinter den Charakteren, die sie spielen. Im Zuge dessen, youtube ist ja schlau, wurden mir immer wieder Clips eines britischen Schauspielers vorgeschlagen und noch bevor ich je (bewusst) einen Film mit ihm gesehen habe, war es um mich geschehen. In einer Zeit in der wir sehr beschäftigt waren damit, dass unser Geschäft gut läuft, waren diese Interviews oft der einzige Input der mein Hirn wirklich beflügelt hat und zudem eine super Gelegenheit mein Englisch zu verbessern. Dank all dieser Clips verstehe ich Englisch nun fast fehlerfrei und dafür bin ich super dankbar. Das Zuhören brachte es aber auch mit sich, dass ich der Stimme dieses Schauspielers gleichermaßen verfallen bin. Ich liebe British English und könnte bzw. habe ihm stundenlang gelauscht.

Nun gut, irgendwann wurde es Zeit, mal zu recherchieren was der junge Herr so alles treibt beruflich und wo man ihn findet. In Hollywood, im britischen TV aber auch auf der Bühne. Wie die meisten britischen Schauspieler, genoss er eine fundierte Ausbildung, traditionell mit allem was das Theaterherz begehrt, so auch vieles von Shakespeare. Und da begann sie, meine Leidenschaft für britisches Theater. Diese Leidenschaft hat mich nie wieder losgelassen und auch jetzt liegt ein Ticket in meiner Schublade bereit, sofern es mir die Coronamaßnahmen erlauben zu reisen.

Es ergab sich, dass mir dann natürlich auch aktuelle News dieses Schauspielers erschienen, die Social Media Kanäle sind zwar nicht seines, aber er steht im Auge der Öffentlichkeit und hat eine sehr loyale und quirlige Fangemeinde. Oioioi… ich seh schon, ich gehöre dazu! Durch diese Kanäle erfuhr ich, dass auch er bald wieder auf der Bühne stand. Als niemand geringeres als Shakespeares Hamlet! Ich war begeistert, aber zwei Minuten später auch genau so enttäuscht, denn es gab keine Möglichkeit Tickets zu kaufen. Noooooo! Denn die Teilnehmerzahl war stark begrenzt ob der Grösse des Theaters. Um allen gerecht zu werden, die gerne ein Ticket hätten, gab es eine Auslosung. Man konnte sich registrieren, um dann eventuell zu gewinnen, um dann schlussendlich ein Ticket kaufen zu können. Ja, so verrückt war ich, mich da anzumelden. Und in meiner Begeisterung brachte ich auch meine Mama und ein paar Freunde dazu, sich für mich dort anzumelden. Erhöhte ja die Chancen!

Um von Chancen zu sprechen, es gab so viele Teilnehmer! Es war ja wie eine Hysterie online. Von überall aus der Welt wurde gebloggt, getweeted, gepostet und gechattet. Man kann definitiv sagen, die Fangemeinde war außer Rand und Band. Und dann kam der Tag der Auslosung. Ich musste arbeiten und hatte somit zum Glück keine Zeit, um vor meinem Handy zu sitzen, um auf die Email zu warten. Doch sie kam. Die Email poppte auf meinem Display auf und didididum…. eine Absage. Auch hier war die Arbeit hilfreich, denn mein Köpfchen verbuchte es als, wäre ja zu schön gewesen, um wahr zu sein. Aber dann passierte das Unfassbare! Sowohl meine Mama, als auch ein Freund, hatten Zusagen bekommen! Die Chance auf zwei Tickets lag direkt in meinen Händen! Ich war baff und für einen Moment in Schockstarre. Und dann ging das Planen los. Natürlich habe ich ein Ticket gekauft, nochmal mein Hamlet Skript aus Studienzeiten heraus gekramt, Interpretationen und Zusammenfassungen gelesen und Flüge gebucht.

Doch was tun mit dem zweiten Ticket? Schnell fand ich auf Twitter viele, die natürlich nicht so viel Glück hatten wie ich und sehr traurig darüber waren. Eine junge Dame aus Deutschland fiel mir besonders auf, ihre Texte stachen mir ins Auge und da habe ich sie einfach angeschrieben und gefragt, ob sie mein zweites Ticket haben wollen würde. Zuerst dachte sie, ich sei ein Fake, jemand der damit Geld machen wollte. Als sie realisierte, dass ich es ernst meinte und auch kein Geld dafür wollte, war die Freude dann aber unermesslich groß! Wir haben uns beide so gefreut und aus dieser Geschichte, hat sich eine Bekanntschaft entwickelt, so dass wir bis heute noch Kontakt haben.

Da saß ich also, im Theaterraum der Royal Acadamy of Dramatic Arts in London. Der Schule, in der sowohl der Hauptdarsteller, als auch der Regisseur einmal ihr berufliches Handwerk erlernt hatten. Standesgemäß trug ich ein Dirndl welches mir am Abend, in dem Pub in dem mein Zimmer war, sogar einen Heiratsantrag eines älteren Herrn einbrachte. So ein schönes Kleid hätte er noch nie gesehen. Ein richtiger Gentleman war er, aber ich habe dennoch dankend abgelehnt.

Das Theaterstück war ein Traum. So intim, da wir direkt an der Bühne saßen. Die eigentlich nicht mal eine Bühne war. Es ähnelte eher einem grossen Stuhlkreis und so konnte man jede kleine Geste, jede Mimik und jede Träne ganz genau sehen. Hamlet mag ein „altes“ Stück sein, doch es ist für mich aktueller denn je. Die Frage nach der eigenen Herkunft und die Frage nach dem eigenen, inneren, moralischen Kompass, das traf mich mitten ins Herz und auch bei mir kullerte am Ende die eine oder andere Träne und der Applaus war tosend.

Ich hatte ihn also live gesehen. Ich saß keine zwei Meter weg vom Ort des Geschehens und war in seinem Bann. Und man mag es kaum glauben, ich durfte so viel Glück erfahren, dass ich ihn ein paar Jahre später erneut auf der Bühne in London sehen konnte. Dieses Mal aber klassisch auf einem Sitzplatz in der Menge, das Theaterstück erhöht auf der Bühne vor uns. Beim ersten Mal gab es keine Möglichkeit auf ein Autogramm und beim zweiten Mal hatte ich keine Zeit, da ich meinen Flieger zurück nach Wien bekommen musste. Zudem ist dieses Gerangel um ein Selfie oder ein Autogramm so gar nicht meines. Ich hatte ihn gesehen, ich habe die Aufführungen genossen und bin heute noch sehr glücklich darüber, dass dies mein Einstand in eine mir völlig neue Welt war.

Seither reise ich immer wieder nach London und sei es nur für eine Nacht. Es ist immer verbunden mit einem Theaterbesuch und einem Kaffee bei Ginger & White. Und so sah ich 2018 ein ganz anderes Stück und wollte die Zeit drum herum in London zu Fuß geniessen.

Zeitsprung. 2018.

Da bin ich also, im Primrose Hill Park. Ich muss meine Sonnenbrille abnehmen und meine Hand, die den Kaffee hält, wird etwas zittrig. Die andere Hand verstaut die Sonnenbrille auf meinem Kopf und kramt nach meinem Handy in meiner Jackentasche. Doch was dann? Eiligen Schrittes kommt er auf mich zu. Ganz offensichtlich in Freizeitbekleidung, legere Cappy auf dem Kopf, die Hundeleine in der Hand und ebenfalls Kopfhörer im Ohr. Meine Gedanken rasen. Er ist es! Es ist TOM HIDDLESTON!

Oh man! Oh man! Oh man! Und jetzt? Selfie? Autogramm? Gespräch aufdrücken? Nein. Er ist in seiner Freizeit, mit seinem Hund und womöglich am Telefon mit jemandem. Es ist mir in der Sekunde klar, das ist nicht der Ort und nicht die Zeit für solche Dinge. Es ist sein privates Leben und sein Sonntagsspaziergang mit seinem Hund. Den ich natürlich von Fotos aus dem Internet kenne. Also gehe ich etwas langsamer als sonst und als er an mir vorbei geht kreuzen sich unsere Blicke. Ich lächele ihn an, er lächelt zurück. Ich schmelze dahin.

Wer hätte das gedacht? Ich niemals! Ich bin so perplex und von den Socken und auch wenn dieses ganze Erlebnis maximal ein paar Minuten gedauert hat, ist es eine meiner schönsten Erinnerungen. Alleine das Gefühl, dass zumindest für mich gerade in diesem Moment etwas so unwahrscheinliches, aber dennoch magisches passiert ist, ist nur ganz schwer in Worte zufassen. Die Chancen, dass mir so etwas passiert, die waren ja kaum vorhanden. Dieser Moment und diese Erinnerung sind mir mehr wert und wertvoller als jedes Autogramm, das ich mir an meine Pinnwand hätte heften können. Bei diesen Autogramm- & Selfiemarathons schaut man sich ja oft nicht mal in die Augen. Der Schauspieler schaut auf das zu signierende Objekt oder beide schauen in die Kamera eines Handys. Da ist mir dieses Lächeln so unbeschreiblich viel mehr wert. In der Eile habe ich es dennoch geschafft ein Foto zu schiessen, als wir schon aneinander vorbei gegangen waren. Nicht scharf, nicht eindeutig, aber bis heute fängt es für mich die Emotion, die Stimmung und die Freude dieses Momentes ein. Ich werde wohl auch nie müde werden, diese Geschichte zu erzählen, denn sie zeigt, Unmögliches ist möglich!

Selten passiert etwas genau so, wie wir uns das wünschen, aber das heißt nicht, dass es nicht noch viel besser wird, als wir uns das ausgemalt haben. Heute bin ich etwas „geheilt“ von meinem Fan-Dasein und beobachte aus der „Ferne“, habe natürlich die aktuelle Marvel Loki-Serie inhaliert und freue mich auf weiter filmische Projekte von Tom Hiddleston. Ihm verdanke ich mein Interesse an britischem Theater, meine wieder entdeckte Liebe zu britischer Geschichte und vielen wunderschönen Erinnerungen, die ich in London sammeln durfte. Für mich Themen und eine Welt, die ich nicht mehr missen möchte und die mir wahnsinnig viel Input bietet, abseits von Alltag und Routinen.

Doch was hättest du getan? Was würdest du tun, wenn du auf einmal völlig unerwartet vor deinem Celebrity-Crush stehst? Die einmalige Gelegenheit nutzen oder den Moment genießen und schweigen? Ich bin gespannt auf deine Antwort!

Alles Liebe & bis bald!

Deine Maggy*

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