Verlass(t) mich nicht

Verlass(t) mich nicht

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Woche 9

Bist Du eine Mama? Oder ein Papa? Würdest Du dein Kind anderen Eltern anvertrauen, dass Sie es aufnehmen und umsorgen? Dem Kontakt versagen, wohl wissend dein Kind vermutlich niemals sehen zu können? Würdest Du in andere ein Vertrauen legen, dass sie deinem Kind das Beste im Leben bieten und für es da sind? … Vermutlich nicht.

Und dennoch begann so meine Geschichte. Ich bin heute 34 Jahre alt und wurde defacto direkt nach meiner Geburt von meinen Eltern adoptiert. Dieser Blogpost wird mich Tränen und Überwindung kosten, denn ich versuche meine „Objektivitäts-Brille“ abzulegen und somit gleichzeitig auch meine „Schuldgefühle“.

Gestern bin ich online über eine junge Frau gestolpert die ebenfalls adoptiert wurde. In eine stabile, glückliche und fürsorgende Familie. Sie hatte alles was man sich wünschen konnte, es wurde für sie stets gesorgt. Ausbildung, Gesundheit und Hobbys wurden gehegt und gepflegt. Und dennoch sprach sie mir aus der Seele als sie sagte: „Es ist für ein Kind nicht per se ein Segen adoptiert zu werden. Adoption bedeutet Trauma für ein Kind, egal wie und unter welchen Umständen es zu euch gekommen ist. Wenn ihr einem adoptierten Kind sagt, es sei gesegnet, dass es adoptiert wurde, beraubt ihr es seiner komplexen Gefühle die es diesem Thema gegenüber hat. Es muss okay sein für ein adoptiertes Kind Ängste, Selbstzweifel oder sogar Wut zu haben was die Adoption betrifft. Jedes Gefühl hat einen berechtigten Wert, nehmt diese Gefühle an!“

Na bum. Das sitzt.

Objektiv betrachtet hatte ich auch all das oben Genannte. Es ging mir gut, ich hatte alles, ich durfte alles, ich war gesund und bin geliebt. Doch eines wurmt mich seit jeher. Für beinahe alles im Leben braucht man eine Berechtigung oder ein Zeugnis dass man fähig ist oder weiss worum es geht. Einen Nachweis, dass man der Sache gewachsen ist. Beim Kinder bekommen ist das leider nicht so. Ich weiss, ich überspitze gerade, aber besonders was adoptierte Kinder angeht finde ich es grob fahrlässig, Eltern ein Kind zu übergeben ohne auch nur eine Stunde verpflichtend darüber zu sprechen, was das eigentlich bedeutet wenn man ein fremdes Kind aufnimmt. Wir Adoptierte sind nun mal keine leiblichen Kinder, wir kommen bereits mit einem Paket das ausgepackt und bearbeitet werden muss und das sowohl von den Eltern als auch dem Kind.

Im Laufe der Jahre kamen diese Gedanken in Wellen und brachten mit sich viel Unverständnis und manchmal auch Wut. Man kann kein Kind aufnehmen, es lieben und denken, damit sei die Sache erledigt. So funktioniert das nicht. Ich schreibe heute nicht nur über mich, auch wenn ich jetzt bewusst zur „Subjektivitäts-Brille“ gewechselt habe. Das Leben konfrontiert einen mit Dingen die ein Segen sind oder eine Herausforderung. Und zwei Segen waren zwei Freundinnen von denen mich heute immer noch eine auf meinem Weg begleitet. Und wie es der Zufall will, sind auch diese beiden Freundinnen adoptiert. Doch wo Gemeinsamkeiten Türen öffneten, zeigten mir unsere Unterschiede dennoch, wie gross das Spektrum einer Adoption sein kann.

Ich selbst bin Deutsche. Ich wurde in Deutschland geboren und bin dort aufgewachsen. Meine Freundinnen sind allerdings aus dem Ausland adoptiert worden. Beide haben wunderschöne dunkle Haut, schwarze Haare und jeweils sehr unterschiedliche Geschichten, wie sie als kleine Kinder den Weg nach Deutschland zu ihren Familien gefunden haben. Doch genau deswegen, im Gegensatz zu mir, sah man ihnen beiden immer an, dass sie eben genau das sind: adoptiert. Ich hingegen bin eigentlich das Abbild meiner Familie. Ich wurde sogar oft mit Verwandten verwechselt ob der Ähnlichkeiten. Und vor allem eine der beiden Freundinnen und ich fanden das ausserordentlich absurd, dass wir beide mit diesen optischen Zuständen nicht klar gekommen sind. Nennen wir diese Freundin Jasmin. Jasmin hätte sich nichts sehnlicher gewünscht als optisch ihrer Familie zu entsprechen, so dass keine Fragen aufgekommen wären nach der offensichtlichen Tatsache, dass sie kein leibliches Kind ist. Sie stand als Kind vor dem Spiegel und versuchte sich ihre wunderschöne Hautfarbe mit einem Waschlappen abzuwaschen um heller zu werden. Und ich? Mich hat es richtig gestört, wenn es zum Beispiel hieß: „Ach, das Enkelkind können Sie aber auch nicht verleugnen.“ Ich stand zwar auch vor dem Spiegel, aber ich wollte nur wissen, wieso ich aussehe wie ich aussehe und wem ich eigentlich ähnlich sehe. In meiner kindlichen Gedankenwelt konnte ich es kaum ertragen, dass meine Eltern stets Lob bekamen für unsere Ähnlichkeiten, denn zu diesen hatten sie ja biologisch nichts beigetragen. Und schon klopfen meine Schuldgefühle an, dass ich so etwas überhaupt nur denken konnte.

Was redest Du da Maggy? Sei dankbar! Deine Eltern haben alles für dich getan und tun sie noch.

Ich weiss. Doch in diesem Blogbeitrag geht es um mehr als das. Was meine Eltern für mich getan haben, welche Chancen sie mir ermöglicht haben, das ist die Basis dafür, dass ich heute überhaupt so frei über dieses Thema schreiben kann. Das hier ist keine Anklage und keine Beschwerde. Es ist meine Therapie. Es ist mein Weg Dinge zu be- und zu verarbeiten, um sie dann endlich loslassen zu können.

Gefühle sind subjektiv und ich bin mir bewusst dass meine Blickwinkel nicht die von anderen sind. Doch mein Gefühl und mein Blickwinkel war es, dass meine Adoption kein offenes Thema bei uns daheim gewesen ist. Ich passte optisch so gut ins Bild, wieso darüber sprechen. Ich verstehe heute, wieso man solche Dinge vermutlich lieber nur im kleinen Kreis besprechen wollen würde. Stichwort Verlustängste. Aber ich war schon immer anders. Ich war stolz darauf adoptiert zu sein, ich habe das freimütig erzählt, denn ich wusste darum seit ich denken kann. Und dafür bin ich meinen Eltern unendlich dankbar, dass sie mir das bereits so früh gesagt haben. Und ich weiss auch noch wie. Dass ich nämlich Mama & Papas Kind bin, aber im Bauch einer anderen Frau war. Punkt. Mehr Infos hatte es im Kleinkindalter auch nicht gebraucht.

Aber später kam der Bedarf nach mehr Information. Und mit diesem Bedarf kam eine Unsicherheit meiner Eltern, wie man damit umzugehen hat. Ich hatte die Unterstützung zum Amt zu gehen um nach meiner leiblichen Familie zu fragen und zu forschen. Leider damals mit wenigen Ergebnissen. Doch emotional blieb ich unterversorgt. Und diese Unterversorgung kompensierte ich durch ein Geltungsbedürfnis in der Schule. Besonders die ersten Teenagerjahre waren für mich eine Jagd nach Bestätigung und Anerkennung von aussen und von Menschen, denen ich im Zweifel einen Bären aufgebunden habe, nur um ihnen ein „Ah“ oder „Oh“ zu entlocken und gesehen zu werden.

Meine Eltern haben mich durch diese Phase gebracht, beschützt, gefördert und lieben mich. Aber das ist nicht genug.

Ein adoptiertes Kind braucht mehr als Liebe. Und ich brauche vor allem anderen das Gefühl, dass man mich nicht verlässt.

Auch wenn ich stolz war adoptiert und anders zu sein, auch wenn meine kindliche Naivität dachte, das ist nur wie ein weiteres Adjektiv zu all den anderen Dingen die ich bin, es hat doch sehr viel mehr Einfluss auf mich, als ich je dachte. Und dieser Gedanke wurde für mich greifbar, als mein Noch-Ehemann mich vor Jahren das erste Mal verlassen hat. Dieses Gefühl formulierte sich damals erstmalig so, sodass ich es greifen und verstehen konnte. Da saß ich also, mit meinen ganz eignen Verlustängsten.

Wenn ich als Baby, noch nicht alt genug etwas getan zu haben um jemanden zu vertreiben, schon verlassen werde, von jemandem der mich lieben sollte – was passiert dann wenn ich älter bin und selbstverständlich auch mal Fehler mache, jemanden verärgere oder verletze? Werde ich dann erst recht verlassen? So erschien es mir oft. Freundschaften und Beziehungen sind keine gute, ausschliessliche Quelle für den eigenen Selbstwert, doch leider habe ich das sehr lange so praktiziert. Und wenn dann jemand den gemeinsamen Weg mit mir verließ, dann war ich wertlos und mein Hirn nahm es als Beweis, dass ich es wieder einmal nicht wert gewesen bin, dass jemand bei mir bleibt. Dass es auf irgendeine schräge Art gerechtfertigt sei, dass jemand der mich mögen oder lieben sollte, mich dennoch verlässt. Denn unser Hirn ist fies, es sucht stets nach Beweisen, dass die eigenen, vor allem negativen Gedanken gerechtfertigt sind. Es will zwar, dass wir aus diesem Schmerz lernen, um ihn zukünftig zu vermeiden, doch einzugestehen, dass etwas mit den negativen Erwartungen bricht und man positiv überrascht wird, das fällt ihm sehr schwer. Da ist es leichter auf den gedanklichen, alten Wegen zu verharren, denn sie versprechen uns ein falsches Gefühl von Sicherheit.

Ich weiss heute über mich, dass ich sehr wohl ein Gefühl von Sicherheit brauche, in jeder zwischenmenschlichen Beziehung die ich führe. Aber keine die auf Äusserlichem basiert. Diese Sicherheit soll darauf beruhen, dass man einen sicheren Platz hat für ehrliche Kommunikation und in der man die Zeit, die Gedanken und die Meinung des Gegenüber wertschätzt. Aber auch eine Sicherheit, dass man sich gegenseitig nicht braucht um ein erfülltes Leben zu führen, sondern dass man sich gegenseitig will. Ich bin als adoptiertes Kind nicht dazu da, zu kompensieren, dass Eltern nicht in der Lage waren auf biologischem Weg ein Kind zu bekommen. Ich bin als Kind nicht dazu da, zu kompensieren, was die Eltern selbst nicht konnten oder durften, um es dann an Ihrer statt zu tun. Ich bin als Ehefrau nicht dazu da, zu unterstützen und zu lieben, aber gleichzeitig meine Emotionen auf die Ersatzbank zu setzen. Ich bin als Mutter nicht dazu da, mich selbst aufzugeben, denn was und wie ich bin machte mich zu der Frau, die überhaupt erst Mutter wurde.

Eine treibende Kraft in der Vergangenheit war also meine Angst verlassen zu werden. Egal von wem und wann. Ich bin nun sehr dankbar, dass ich das erkennen durfte und ich dieses Gefühl zähmen kann. Manche Menschen kommen um zu bleiben, andere sind nur Wegbegleiter. Das muss ich verinnerlichen, denn beide Arten der Begleitung definieren nicht meinen eigenen Weg.

Ich wünsche mir, dass Adoption kein Thema mehr ist, das hinter vorgehaltener Hand besprochen wird. Dass das Tabu fällt. Wenn ein adoptiertes Kind neugierig wird sollte diese Neugierde immer beachtet und Ihr nachgegangen werden. Noch viel wichtiger, es sollte nicht das Gefühl haben, es stünde ihm nicht zu nach all dem zu fragen. Egal wen diese Fragen verletzen, wen sie pikieren, wem sie eigene Selbstzweifel oder Verlustängste bescheren, es ist nicht die Aufgabe des adoptierten Kindes darauf Rücksicht zu nehmen. Sofern gewünscht, wird eine offene Kommunikation genau diese Ängste verschwinden lassen. Ich glaube fest daran, dass Wissen und Information essentiell sind im Vermeiden von Ängsten aller Art und eine ehrliche Kommunikation die Sicherheit und das Vertrauen schafft für eine stabile Basis einer jeden Beziehung. Denn diese Basis gibt die Sicherheit, dass man nicht bei jedem kleinen Sturm sofort verlassen werden könnte.

ps Ich habe meine leibliche Familie dennoch gefunden. Sobald ich diesen Beitrag geschrieben habe, verlinke ich ihn hier!

Passt auf Euch auf!

Bis ganz bald,

Eure Maggy*

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