Gaslighting: Neues Wort, altes Muster

Gaslighting: Neues Wort, altes Muster

Woche 3.2

Gaslighting

Du hast den Begriff noch nie gehört? Sehr gut, dann bin ich beruhigt, mir sagte er nämlich auch nichts.

Im Internet und in englischsprachigen Serien & Filmen fiel mir immer häufiger das Wort gaslighting auf. Ich erahnte auf Grund des Zusammenhangs meistens, worum es sich handelte, dennoch konnte ich es nicht wirklich gedanklich greifen und zufriedenstellend übersetzen. Also, starten wir die Recherche.

Diese führt uns in´s nebelige London des 19. Jahrhunderts. Vor allem der Nachmittagstee der Mittelklasse und Oberschicht wurde in den dunklen Monaten bereits bei dunstigem Gaslicht getrunken, welches eine schummrige Wohligkeit verströmte, oder auch einen Hauch von Schauer und Grusel. So trägt es sich zu im Theaterstück Gas Light aus dem Jahr 1938 von Patrick Hamilton. Ebenjenes ist namensgebend für besagtes Wort, dessen Ursprung ich ergründen möchte.

Was passiert hier also? 1880, wir sind im viktorianischen London. Ehemann Jack kann seiner Ehefrau Bella nicht schlüssig erklären, wo er seine Zeit am Nachmittag verbringt, wenn er nicht bei Ihr ist. Ihre Sorgen und Ängste, er könnte sie betrügen, wird genährt durch sein Flirten mit der Dienerschaft und der Tatsache, dass das Gaslicht immer etwas schwächer wird, sobald er das traute Heim verlässt. Mit Hilfe eines Polizisten kann Bella die Wahrheit erkennen und sieht, dass Jack versucht sie zu überzeugen, dass sie wahnsinnig sei und sich alles nur einbilde, vor allem die Geräusche die sich in seiner Abwesenheit zum Lichtverlust hinzu gessellen. Es wird klar, dass die unlängst verstorbene Nachbarin einen Stock höher wegen Ihrer Juwelen ermordet worden sein muss und dass Jack diese vermutlich sucht. Seine Schritte hallen in der Wohnung über der von ihm & Bella. Auch wird sobald er in der Wohnung der Verstorbenen das Licht entzündet, dieses im Rest des Hauses überall etwas dunkler. Bella kooperiert mit der Polizei um ihren Ehemann Jack zu überführen, der in der Tat der Mörder gewesen ist und die Leiche hat verschwinden lassen. Bella einzureden, dass sie verrückt sei, half ihm sich Vorteile zu verschaffen, wie zum Beispiel die Zeit um auf die Suche nach den Juwelen gehen zu können.

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Zurück in´s Hier & Jetzt.

Von gaslighting ist die Rede, wenn jemand versucht, einen anderen Menschen gezielt zu verunsichern oder so weit zu manipulieren, dass dieser im schlimmsten Fall beginnt an seinem Verstand zu zweifeln oder sogar den Unterschied zwischen Wahrheit & Schein nicht mehr erkennen kann.

Nun könnte man sagen, diese Dynamik bedarf zweier Menschen. Dem Einen der manipuliert und dem Anderen, der es mit sich machen lässt. So wie Bella im Theaterstück, die erst einmal gar nicht weiss wie Ihr geschieht, denn sie vertraut. Ich denke gaslighting kommt nicht nur zwischen Menschen vor die ein etabilertes Vertrauensverhlätnis haben, aber auf diese Dynamik würde ich gerne näher eingehen. Sie ist vielleicht vielen von uns bekannt und setzt voraus, dass eine der beiden Personen uneingeschränkt vertraut, dass es die Andere nur gut mit ihr meint. Besonders in Beziehungen zwischen Liebenden, Eltern & Kindern und Freundschaften kann sich so etwas also leicht einschleichen denn gaslighting im kleinen Stil haben wir sicher alle schon am eigenen Leib erfahren oder auch selbst „angewendet“, wenn auch nicht mit der Absicht grossen Schaden anzurichten.

„Ach das ist doch nicht so schlimm.“

„Das bildest Du Dir doch nur ein, denk doch mal nach, das ergibt doch gar keinen Sinn weil…“

„Glaubst Du denn tatsächlich ich würde Dir so etwas antun?“

„Du spinnst ja! Das ist völlig an den Haaren herbeigezogen!“

Kommen Dir diese Sätze bekannt vor? Ja? Dann vermutlich mit einem lauten und aufgebrachten Unterton. Wie bei einem Streit. Da können schonmal die viktorianischen Pferde mit einem durch gehen. Dann ist man ist in Rage und es sind impulsive Antworten in einer erhitzen Diskussion. Doch was ist, wenn diese Worte „leise“ gesprochen werden. Wenn genau gewusst wird, dass das unsichere Gegenüber recht hat oder die Ängste, Sorgen oder Befürchtungen der Wahrheit entsprechen. Ich kenne dieses Gefühl, wenn jemand einen überzeugen will, dass etwas das man empfindet oder von dem man weiss, dass es so ist, nicht der Wahrheit entsprechen soll. Hat man aber noch keine Gewissheit, dass einen die eigenen Sinne oder das eigene Empfinden nicht doch trügen, ist man zwangsläufig auf die Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber angewiesen um mehr Informationen zu erhalten. Entweder um überzeugt zu sein, dass man sich irrt, oder um eigene Zweifel zu bestätigen. Und da kommt das Vertrauen in´s Spiel. Der Vorschuss an Vertrauen hat mich oft Zweifel bei Seite schieben lassen wo mein Instinkt richtig lag. Wo ein Gefühl sich aufbaute, dass man es nicht mit der Wahrheit zu tun hatte, obwohl es eigentlich keinen Sinn ergab belogen, betrogen oder manipuliert zu werden. Besonders von einer Person, die einem nahe steht. Schlimmer noch, die einem buchstäblich sagt man sähe Geister, wenn man endlich den Mut fasst und sie auf diese Dinge anspricht.

Was mir mittlerweile hilft in solchen Situationen bei Sinnen zu bleiben ist, in mich zu hören um heraus zu finden wo genau meine Wahrheit liegt. Wenn ich etwas fühle, wenn ein Unwohlsein sich breit macht und Zweifel sich einnisten, dann IST das meine Realität und niemand kann sie einfach wegdiskutieren oder mir einreden, das sei alles nur Einbildung. Früher habe ich versucht alles mit Beweisen zu untermauern, versucht mit Logik voran zu kommen, mich zu erklären um den anderen von meiner Sicht zu überzeugen. Nun weiss ich, das geht nicht. Ich muss mich selbst überzeugen, dass mir meine Gedanken zustehen. Die kleine, für mich alltäglichere, Schwester von gaslighting ist das Kleinreden von Gefühlen. Sätze die ich oft gehört habe und bei mir sofort inneren Widerstand hervorrufen: „Was glaubst du wie viele Menschen es so geht.“ / „So schlimm wie Du tust ist es nicht.“ / „Übertreib nicht, das entspringt nur deiner Phantasie.“ Selbst wenn Phantasie im Spiel wäre, steht es niemandem, zu meine Gefühle klein zu reden. Emotionen verschwinden nicht wenn man sie relativiert zu all den Menschen die vielleicht schon einmal das Selbe empfunden haben. Am Schmerzhaftesten war es für mich immer, wenn diese Sätze von einem geliebten Menschen kamen. Einer Person deren Verständnis und Anerkennung ich haben wollte und von der ich nicht erwartet hatte, dass sie so über mich „drüber fährt“ und mir sagt, was ich empfinde wäre falsch oder lächerlich. Denn ganz ehrlich, bisher musste ich meinem Instinkt immer Tribut zollen, da er im Nachhinein hatte er immer Recht.

Die Kehrseite ist, solche Sätze sind schnell gesagt. Absurderweise oft mit der Intention, dem Anderen damit helfen zu wollen oder um zu trösten, im besten Fall. Im schlimmsten Fall wäre es wie gesagt sehr manipulativ. Doch wie ich selbst erfahren habe, als Trost funktionieren diese Sätze eigentlich nie bis gar nicht. Ich muss mich aber selbst ordentlich an der Nase packen, um nicht genau in diese Falle zu tappen wenn es um meinen kleinen Sohn Maxi geht. Nun ist der Bogen von Bella & Jack zu Maxi & mir ein sehr weiter, aber wenn wir bei dem Kleinreden bleiben, dann erwische ich mich schon ab und zu, wie ich Maxis Gefühle manchmal gerne klein reden wollen würde. Etwa um ihm die Situation leichter zu machen in der er sich gerade befindet. Meistens sind das Situationen in denen ihm etwas nicht passt. Etwas ging kaputt, er bekommt seinen Willen nicht oder hat sich weh getan. Aus einem Trost kann dann ganz schnell ein non-stopp Überzeugungsversuch werden, dass es ja nicht so schlimm sei, was auch immer eben passierte. Dünnes Eis. Stattdessen versuche ich nun ihn bestmöglich zu trösten, in dem ich seine Gefühle annehme, sage, dass ich ihn verstehe und wir gemeinsam eine Lösung finden um die Situation zu verbessern. Das hilft ihm, mir aber auch. Ich kann mein Kind nicht aus seinen Emotionen heraus diskutieren oder schlimmer noch, ihm einreden, dass sein Gefühlsausbruch gar nicht erst angemessen sei, da es ja nicht so schlimm ist wie er denkt oder wie er es empfindet. Denn was passiert bei so einem kindlichen Gefühlsausbruch? Maxi ist noch zu jung um sich in so einer Situation selbst beruhigen zu können, diese Fähigkeit hat das Kleinkindhirn noch gar nicht. Um hier Hilfe zu leisten, genau dafür sind wir Erwachsenen da, das Kind zu begleiten und um Sicherheit zu vermitteln. Maxi darf empfinden, was auch immer er in so einem Moment empfindet. Ergibt sich hier ein Problem, dann bin ich es. Der Versuch ihn zu überzeugen, dass es nicht angemessen ist einen Gefühlsausbruch zu haben, beruhigt wenn dann mich und nicht ihn. Es gibt mir das Gefühl etwas zu tun gegen den Gefühlsausbruch, gibt mir das Gefühl alles unter Kontrolle zu haben, beruhigt meine eigenen Nerven – aber zu welchem Preis?

Zum Preis, dass mein Kind lernen würde, dass seine Emotionen nicht richtig sind. Selbst wenn er manchmal theatralisch reagiert, eine Szene macht oder auch sehr laut wird, sehe ich dennoch jedes Mal, dass da tief in ihm drin gerade etwas nicht passt. Dass in Maxis Wahrheit irgendwo gerade ein Misston ist und diesen muss ich annehmen. Ich habe gelernt, dass Maxi in solchen Situationen ein, zwei tröstende Sätze benötigt, aber viel mehr als das, meine Anwesenheit und Körperkontakt. Der Redeschwall würde nur mich selbst beruhigen, nie mein Kind. Aber mein Kind hört mir zu, würde lernen, dass ich es aus seiner Emotion heraus beschwichtigen will und das werde ich nicht tun. Kein Kleinreden, kein gaslighting.

Fällt Euch eine Situation ein in der Ihr schon einmal „Opfer“ oder „Täter“ von gaslighting gewesen seid? Im Privaten, oder vielleicht bei der Arbeit? Ich bin neugierig und gespannt was Ihr erzählt!

Bis bald,

Eure Maggy*

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